Wann immer mein vietnamesisch-amerikanischer Freund Trong Nguyen aus Seattle in der Stadt ist, versuchen wir, ein Abendessen bei Tu Lan zu arrangieren, einem passenderweise vietnamesischen Restaurant. Der Laden ist in einer eher dubiosen Ecke der Stadt, stĂ€dteplanerisch-beschönigend “Mid-Market” genannt. Soll heißen: Wer einen Sack MĂŒnzen dabei hat, hat diese schneller als der Schall an um Kleingeld bittendes Straßenvolk verteilt.

Hinter dem Tresen des Restaurants tummeln sich bis zu zehn Personen, allesamt vietnamesischer Abstammung, wenn nicht sogar alle aus einer einzigen Familie. Die Portionen sind groß und lecker, BĂșn Cha GiĂł Thit NuĂłng mein ewiger Favorit: Pork Kebab, Imperial Roll und Reisnudeln mit Fischsauce und Salat. Alles in einer riesigen Schale serviert, fĂŒr gerade mal 6,25 Dollar.

Richtig lustig wird es – böse Zungen wĂŒrden es im schönsten Neu-Englisch “ghetto” nennen – wenn diverse ÜberlebenskĂŒnstler das winzige Restaurant betreten, um ihre Waren feil zu bieten. Gestern im Programm: ein schwarzer, durchaus gut gekleideter Herr mit Hut, der “girl’s jeans” und “Tuxedo shirts” anpries, alles neu, alles aus vermutlich nicht ganz koscheren Quellen. Ihm wurde rasch der Weg zur TĂŒr gezeigt. Ein zweiter, rastagelockter und ebenfalls schwarzer Fahrensmann war schlauer: Er versteckte sich hinter zwei Blumentöpfen, fĂŒr je fĂŒnf Dollar zu haben. Ob die Tu-Lan-Crew hier zugeschlagen hat, bleibt unklar – wir hatten unser Abendessen beendet und begannen den stĂŒrmischen RĂŒckweg auf den Nob Hill.

Was hat es zu bedeuten, wenn ich gestern abend nach dem Essen im chinesischen Restaurant zum ersten Mal in meinem Leben keine Botschaft in meinem GlĂŒckskeks antreffe?

Vor wenigen Wochen machte Ex-Kollege Udo Hoffmann mit seinem Bruder Bernd Station in der Casa Austinat – die zwei hatten eine wilde Odyssee von Toronto bis San Francisco hinter sich. Bei einem abendlichen Einkaufsbummel sprang Udo der Name Full Throttle ins Auge – wurde er doch an ein 13 Jahre altes Biker-Grafik-Adventure aus dem Hause LucasArts erinnert, in Deutschland auch als Vollgas bekannt.

Wie Ex-Kollege Thomas Werner, der immer wieder die neuesten Lebensmittel erwarb und leider immer wieder geschmacklich enttĂ€uscht wurde, kaufte Udo zwei Varianten des GetrĂ€nks. Die erste namens Fury schmeckte ihm abscheulich – so abscheulich, dass weder Bernd noch ich einen Probeschluck angeboten bekamen. Die zweite Dose blieb dann in meinem Besitz, weil GetrĂ€nke bekanntlich die Flughafenkontrollen nicht mehr passieren können.
I prefer Full Stangl.Letzte Woche war es dann so weit: Ich öffnete die Dose mit der Aufschrift Full Throttle Blue Demon, namentlich angeblich inspiert vom mexikanischen Wrestler Alexander Munoz Moreno. Das half dem Gesöff leider nichts: Weder die radioaktiv-blaue FĂ€rbung noch der seifig-faulige Geschmack, vermutlich hervorgerufen durch den beworbenen Agave-Zusatz, werden mich je dazu bringen, auch nur einen mĂŒden Cent fĂŒr eine weitere BĂŒchse auszugeben. Schleierhaft, wie Coca Cola mit dem Zeug fast zehn Prozent Marktanteil erreichen konnte.

Der nette Ă€ltere Herr mit der wild-grauen MĂ€hne und den dicken Koteletten nimmt grinsend zwei Tische weiter Platz, wo seine weibliche Begleitung seit ein paar Minuten auf ihn wartet. “Die Leute haben mich auf dem Weg zur Toilette so seltsam angesehen”, sagt er. “Als wenn ich sie an irgendwen erinnern wĂŒrde.”

Nicht ganz unbegrĂŒndet. Der Ă€ltere Herr ist niemand anderes als Neil Young, den ich zuletzt am 5. Mai 2003 in der MĂŒnchener Philharmonie genießen durfte. Seine Begleitung? Tochter Amber. Auch die Youngs wissen schließlich, wo es das gesĂŒndeste Fast Food der Stadt gibt.

Sitze heute mit Freund Derrick beim Lunch in einem Sushi-Laden. Alles ziemlich voll, an unserem Tisch sind noch zwei PlĂ€tze frei. Artig fragen erst ein junger Mann, dann etwas spĂ€ter eine junge Frau, ob sie sich noch dazu setzen dĂŒrfen. Na klar, gar kein Problem.

Derrick und ich unterhalten uns angeregt ĂŒber die Ereignisse der letzten Wochen, bis die Frau namens Lori mich fragt, ob sie einen französischen Akzent hören wĂŒrde. Das hatte ich noch nicht, bislang wurde ich immer mal wieder verdĂ€chtigt, Kanadier, HollĂ€nder oder Ire zu sein.

Ein angeregtes GesprĂ€ch entspinnt sich, in das auch Tischnachbar Bryan einsteigt, der im gleichen GebĂ€ude wie Derrick arbeitet und ihn dort auch schon mal gesehen hat. Und damit nicht genug, denn nach einer Weile meint Bryan zu Lori: “Sag mal, wir kennen uns aber auch, oder nicht? Aus einer Uni-Vorlesung?” Stellt sich heraus, dass das keine billige Anmache war: Bryan und Lori hatten tatsĂ€chlich eine Pflichtvorlesung an der UC Davis zusammen gehört.

Klar, dass wir nach dem Essen unsere Visitenkarten ausgetauscht haben, um demnĂ€chst wieder zusammen essen zu gehen – dann etwas koordinierter.